Römerstraße durch Schöngeising bis Ecke Rothschwaiger Straße

Während einer Exkursion am 22.02.20 haben wir die Römerstraße westlich Schöngeisings inspiziert, da die darüber liegende Bahnhofstraße in Kürze verbreitert wird.

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Teilnehmer der Exkursion [Copyright: Rudolf Ende]

Der Bahnhof Schöngeising

Die Römerstraße von Augsburg trifft am S-Bahnhof Schöngeising auf den Ort Schöngeising. Sie verlief durch den neuen Pendlerparkplatz auf der Landsberieder Seite. Auf Schöngeisinger Seite verlief sie gerade noch durch den westlichen Fahrradständerbau und durch die westliche Reihe Parkplätze.

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Bahnhof Schöngeising. Rot die vermutete Lage der Entwässerungsgräben der Römerstraße. Dazwischen verlief die Römerstraße. [Quelle: GoogleMyMaps, GeoBasis DE/BKG (2009) Maxar Technologies]
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Bahnhof Schöngeising 1965 mit zwei Gebäuden [Photo: Kurt Zenau]

Zwischen 1900 und 1924 wurde parallel zur Römerstraße ein zweiter ebenerdiger Bahnübergang angelegt, der 50 Meter weiter nach Südwesten verschwenkte, als dies die heutige Unterführung tut. Dieser Übergang mußte hinauf auf den Bahndamm führen und man sieht tatsächlich die Böschung in der Karte links und rechts des Übergangs. Bis zur Topographischen Karte \”Blatt 689\” von 1952 gab es diese zwei Bahnübergänge noch. Davon ist im Bodenrelief heute keine Spur mehr zu finden.

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Rot eingezeichnet die Lage der heutigen Bahnunterführung. Offensichtlich liegen die moderne topographische Karte und die historische Karte nicht paßgenau übereinander. Aber diese Verschiebung um eine Straßenbreite erklärt nicht die viel weiter gehende Verschwenkung auf der älteren Karte.
[Topographische Karte 1:25.000, Blattnummer 689 von 1924.
Bayerische Vermessungsverwaltung im BayernAtlas-Zeitreise]

Zwischen 1952 und 1960 wurden beide ebenerdigen Bahnübergänge ersetzt durch eine Unterführung, die die Bahngleise ein kleines Stück südwestlich der Römerstraßentrasse quert.

Noch vor dem Bau der Unterführung wurden die beiden oben gezeigten Gebäude direkt an die Straße des Bahnübergangs gebaut. Ab der topographischen Karte von 1924 (Blattnummer 689) tauchen sie auf. Die beiden Gebäude erscheinen noch auf der topographischen Karte \”Fürstenfeldbruck 7833\” von 1989 (in der BayernAtlas-Zeitreise). 2002 existiert nur noch das nördliche Gebäude. In der Karte von 2008 verschwindet auch dieses Gebäude. Heute existieren beide Gebäude nicht mehr. [Allerdings sind die topographischen Karten nicht sehr genau. Das freistehende Gebäude nordwestlich des Bahnhofs ist z. B. nicht auf allen Karten notiert. Augenzeugen gehen von einem Abriß der Bahnhofsgebäude in den 80er-Jahren aus.]

Vom Bahnhof zur B471

Die heutige Bahnhofstraße entspricht wieder einigermaßen dem alten Verlauf der Römerstraße. Vom heutigen Bahnhof bis zur heutigen B471 überwindet die Strecke auf 780 m Länge eine Höhe von 18 Metern. Das ist eine sehr moderate Steigung von 2 %. Teilstücke haben aber ein Gefälle von 14 %.

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Höhenprofil der Bahnhofstraße vom Bahnhof (links) bis zur B471 (rechts) [Quelle: BayernAtlas]

Der Knick der Ost-West-Römerstraße

Ab der heutigen B471 machte die Römerstraße einen Knick nach links und ein anderer Abschnitt begann. Die B471 gab es damals noch nicht – aber ganz offensichtlich bereits den Weg nach Wildenroth/Grafrath (der zwischen 1960 und 1965 ausgebaut wurde zur B471 – damals noch ohne die Unterführung). Nur wenn beim Bau der Römerstraße der Weg nach Wildenroth/Grafrath bereits existierte, ergibt die Verschwenkung an dieser Stelle einen Sinn. Ob es die Rothschwaiger Straße damals auch schon gab, kann man aus dem Verlauf der Römerstraße nicht ableiten.

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Positionsblatt. Gelb die Straße nach Grafrath. Grün die Rothschwaiger Straße. [Quelle: Bayerische Vermessungsverwaltung]

Wozu dieser Knick in der Nord-Süd-Verbindung?

Die Rothschwaiger Straße konnte man nicht weit über die Römerstraße hinaus verlängern. Denn dort geht es dann mit 38,8 % Steigung ganze 10,3 Meter herunter. Wer von der Rothschwaiger Straße kam und nach Wildenroth/Grafrath wollte, der fuhr gerne den Zickzack aus, wo es dann nur 3,5 Meter bergab ging bei mäßigen 12,2 % Steigung.

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Blick nach Norden auf Schöngeising. Die Römerstraße verlief an der Oberkante der roten Linie. Das fast haushohe Gefälle ist deutlich erkennbar.

Umgekehrt ist es aber wirklich ein Rätsel, warum man den Weg von Wildenroth/Grafrath nicht verlängert hat (wie man es zwischen 1960-1965 mit dem Bau der B471 verwirklicht hat)? Warum verläuft die Rothschwaiger Straße soweit nordwestlich?

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Positionsblatt. Gelb die Straße von Wildroth/Grafrath – fortgesetzt Richtung Bruck, wie es logisch wäre. Grün gestrichelt die heutige Rothschwaiger Straße. Rot die Bodendenkmäler – größtenteils vor- und frühgeschichtliche Siedlungen [Quelle: Bayerische Vermessungsverwaltung]

Vermutung: Ursprünglich verlief der Weg Wildenroth-Bruck so, wie auf der obigen Karte abgebildet – also als mehr oder minder gerade Linie links der Amper immer an den vielen Siedlungen entlang. Das könnte die Situation gewesen sein, auf die die römischen Straßenbauer trafen.
Irgendwann (definitiv vor 1800) hat das Dorf Schöngeising seine Rinderweide (den \”Äspenlaich\”) vergrößert – also vermutlich den Wald gerodet. Da störte dann der Weg quer durch das Gatter. Also hat man den Weg ein Stück nach Nord-West verlegt und er wurde zur heutigen Rothschwaiger Straße. Der Weg blieb also ein Waldrandweg – zog aber mit dem Waldrand mit. Für die Reisenden war das lästig – das war aber den Schöngeisinger Bauern egal, die selber nur die Vorzüge und nicht die Nachteile der neuen Straßenführung hatten.
Womöglich hätte man in den 50er Jahren noch Spuren dieses ursprünglichen Weges finden können. Heute liegt er aber definitiv unter der B471, wenn es ihn tatsächlich dort gab.

Die Breite der Römerstraße

Rudolf Krallinger hat am 3./5.10.1953 im Osten Schöngeisings einen Schnitt durch die Römerstraße an dieser Stelle gemacht:

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Lages des Schnittes (grün) durch die Römerstraße (rot) durch Rudolf Krallinger am 03./05.10.1953
[Quelle: Google-Maps]
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Rudolf Krallinger: Kleine Chronik von Schöngeising; Verlag Gemeinde Schöngeising, 1956; S. 6 ff.

[Erstaunlicherweise haben die römischen Legionäre nicht die 30 cm tiefer bis auf die Schotterebene weitergegraben. Eine 30-cm-Auflage auf der Erde genügte ihnen. Interessant ist, daß 1956 das Niveau der Römerstraße auf dem Niveau der Felder rundum gewesen wäre. Auf der Römerstraße lag nun aber noch etwa 60 cm zusätzliche Erde (und womöglich auf den Feldern daneben auch) – so zeichnete sich die Römerstraße immer noch als Damm ab.]
Überraschenderweise zeigt der Schnitt von Herrn Krallinger keinen Hinweis auf einen Entwässerungsgraben. Der wäre in der Zeichnung eigentlich zu erwarten gewesen.

[Bei einer Grabung am 03.-06.11.1965 östlich der Amper vor dem Rupprechtshäuschen fehlten Rudolf Krallinger leider die finanziellen Mittel, um die dort gefundene Römerstraße in ihrer gesamten Breite aufzugraben.]

Wenn man unterstellt, daß die Römerstraße westlich von Schöngeising genauso breit war, wie östlich davon, dann kann man von knapp 6 Metern Breite ausgehen.

Hier zum Vergleich ein Schnitt durch die Römerstraße östlich der Willibaldskirche, den der Arbeitskreis Vor- und Frühgeschichte am 11./13.04.02 durchführte:

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Schnitt durch Römerstraße östlich Willibaldskirche vom 11./13.04.02
[Quelle: Historischer Verein FFB]

Wenn man die Maße der Entwässerungsgräben hinzunimmt, dann kommt man auf eine Gesamtstraßenbreite von 17,2 m zwischen den jeweils 2 Meter breiten Gräben. Daran schließen oft noch Materialentnahmegruben von rund 7,5 Metern Durchmesser an. Die Gesamtbreite der Baumaßnahme betrug somit beachtliche 36,2 Meter. Auf mindestens 21,2 Metern Breite mußten die Römer die Bäume fällen und die Wurzelstöcke aushacken oder abbrennen (wenn man davon ausgeht, daß die Materialentnahmegruben zwischen stehenden Bäumen gegraben wurden).

Ganz offensichtlich gab es links und rechts der Römerstraße unbefestigte Streifen, die jeweils fast so breit waren, wie die befestigte Straße selbst. Die Gräben scheinen im Landkreis Fürstenfeldbruck noch nie durch einen Schnitt ausgemessen worden zu sein. Man muß sie sich aber wohl eher tief vorstellen, wenn sie so weit entfernt von der befestigten Straße ihren Zweck erfüllen sollten. Zu beachten ist, daß vermutlich 0,4 bis 0,5 Meter Humus auf den ehemaligen Gräben liegen; die Feuchtigkeit in den Gräben breitet sich nicht nur senkrecht nach oben aus und die Pflanzen wurzeln nicht exakt senkrecht nach unten. So können die tatsächlichen Grabenbreiten abweichen vom Bereich gut gewässerter Pflanzen an der Oberfläche.

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Gesamtbreite der Baumaßnahme mit den Maßen östlich von Schöngeising.

Die Römerstraße in der Uraufnahme

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Der vermutete äußere Rand der Römerstraßengräben (rot), die vermutete Lage der 6 Meter breiten Römerstraße (gelb), die moderne Bahnhofsstraße (ohne Radweg, Situation bis zur Umgestaltung im Jahr 2020) (grün).
[Quelle: BayernAtlas, Uraufnahme, Bayerische Vermessungsverwaltung)

Die Lage der damals noch nicht so genannten Bahnhofstraße in der Uraufnahme ist vermutlich sehr ungenau, da es hier keine grundsteuerpflichtigen Grundstücke gab. Trotzdem kann man festhalten:

  • Die Römerstraße lag 12 Meter weiter südwestlich als die heutige Bahnhofsstraße. Im Ort stehen heute die Häuser Bahnhofstraße 15-29 direkt auf der Römerstraße. Die rot eingezeichnete Trasse der Bodendenkmalskarte des Landesdenkmalamtes ist hier vermutlich falsch.
  • Die Straße von 1800 schlängte sich im großen und ganzen um die Trasse der ehemaligen Römerstraße herum, nimmt aber keinen direkt Bezug auf die Trasse. Offensichtlich gab es an dieser Stelle keine Reste der Straße mehr.
  • Die moderne Straße – wann immer sie gebaut wurde – nimmt wieder die gerade Linie der Römerstraße auf; aber nach Nordosten versetzt und ein wenig gedreht. Das erklärt auch, warum nördlich der Bahnhofstraße nur 2 Materialentnahmegruben nahe am Bahnhof zu sehen sind: Die weiter südlich liegenden Gruben (wenn es sie gab) wären unter dem Straßendamm der modernen Straße.
  • Auf der Südseite der Bahnhofstraße, am südlichen Ende der Grubenreihe, gegenüber der neuzeitlichen Kiesgrube auf der Nordseite, findet man heute noch ein kurzes Stück Hohlweg der kurvenreichen Straße von 1800. Dort ist auch eine besonders tiefe Grube, von der man vermuten kann, daß sie zur Kalksteingewinnung nachträglich vertieft wurde.
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Offensichtlich nutzen GoogleMaps und BayernAtlas andere Koordinaten: Der Verlauf der modernen Bahnhofstraße (grün) wurde im BayernAtlas gespeichert und in GoogleMaps importiert. Ganz offensichtlich ist sie um eine Straßenbreite versetzt. Trotzdem ist erkennbar, daß die Römerstraße durch die Vorgärten der Häuser an der Bahnhofstraße verlief und der südliche Entwässerungsgraben mitten unter den Häusern verlief. Das Denkmalamt hat aber die moderne Bahnhofstraße zum Bodendenkmal erklärt, obwohl dort nie die Römerstraße verlief.
[Quelle: BayernAtlas und GoogleMaps GeoBasis-DE/BKG (C 2009), 2020]

Die Materialentnahmegruben

Die Materialentnahmegruben wurden bereits detailliert beschrieben. Die Exkursion ergab zusätzlich zwei weitere Gruben, die im LIDAR-Relief nicht erkennbar waren. Ein Graben wurde vermessen: 7,5 Meter breit und 0,75 Meter tief. Eine genauere Vermessung ist geplant.

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Provisorische Vermessung einer Grube [Copyright: Rudolf Ende]

Die Römer kannten noch keine Schubkarren. Das heißt: Sie mußten den ausgegrabenen Kies tragen (in Mollen oder Säcken). Das kann erklären, warum sie lieber viele kleine Gruben nahe der Straße gruben, als wenige große. Ab Einführung der Schubkarre gräbt man eine Grube lieber weiter aus, wenn man den Oberboden schon einmal abgegraben hat.

Entlang der meisten Segmente der Römerstraßen finden sich keine Gruben. Da genügte vermutlich der Aushub aus den Entwässerungsgräben für den Straßendamm. Wieviel Material die Gräben erbrachten und warum dies bei Schöngeising offenbar nicht genügte könnte nur ein Schnitt durch die Gräben und den Straßendamm an verschiedenen Stellen zeigen.

Weiterhin gilt, daß entlang von nicht-römischen Straßen keine derartigen Perlenketten von Gruben zu finden sind in unserem Landkreis. Das kennen wir nur von ehemals römischen Straßen. Aber trotzdem können einzelne Gruben trotzdem modern sein (z. B. mittelalterlich). Denn in wenigen Metern Abstand befand sich ein Kalkofen und es war natürlich verlockend einfach direkt neben der Straße nach Kalksteinen zu graben.

Die Entwässerungsgräben

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Der Graben der Römerstraße mit Materialentnahmegruben (hier aber unregelmäßiger und weiter auseinander – keine Perlenkette). Rechts unten die Nordspitze der Turminsel.
[Quelle: GoogleMaps. GeoBasis-DE/BKG,GeoContent, Maxar Technologies, 2020]

Östlich von Schöngeising kann man gelegentlich im Luftbild die Entwässerungsgräben der Römerstraße sehen. Sie zeichnen sich an der heutigen Ackeroberfläche als Streifen von etwa 2 Metern Breite ab, die etwa 17,2 Meter von einander entfernt liegen (innerer Abstand).

Wie sieht es nun auf der Schöngeisinger Bahnhofstraße im Westen aus? Wir können die inneren Räner der vielen Materialentnahmegruben jenseitss des Bahnhofs Richtung Landsberied ganz gut mit den 2 Gruben nördlich der Bahnhofstraße verbinden mit einer langen Tangente. Wir können auch die inneren Ränder der Gruben südlich der Bahnhofstraße zu einer Tangente verbinden und verlängern. Die beiden Linien sind gut 20,6 Meter von einander entfernt.
Wenn dieses Segment der Römerstraße genauso konstruiert wurde, wie das Segment östlich von Schöngeising, dann müßten die Gräben gleich im Anschluß an die Gruben 2 Meter breit sein. Zwischen den Gräben blieben dann 16,6 Meter für die 6 Meter breite Straße und die Randstreifen. Für die Randstreifen bliebe dann hier nur jeweils 5,3 Meter übrig (also ein römisches Fuß weniger).

Südlich der Bahnhofstraße ist ein flacher Graben auszumachen gleich im Anschluß an die Materialentnahmegruben und in gut 5 Meter Abstand vom vermuteten ehemaligen Straßenrand der Römerstraße.

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Graben entlang der Bahnhofstraße in Schöngeising

Kalkofen

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Straße von Landsberied nach Schöngeising (rot), Rotschwaiger Straße (grün), mit einem roten Kreis markiert der ehemalige Kalkofen.

Freundlicherweise haben die Besitzer von Bahnhofsstraße 10 die Forschergruppe auf ihr Grundstück gelassen, um die Reste des Kalkofens zu besichtigen. Heute ist das eine ziemlich exakt kreisförmige Grube im Hang von 8,5 Metern Durchmesser. Sie befindet sehr genau an der Stelle, die in der Uraufnahme so markiert wurde.

Franz Seraph Hartmann bezeichnete das gesamte Flurstück nordwestlich davon als \”Kalkofendickicht\”, was auf Niederwald hindeutet. Nahe eines holzdurstigen Kalkofens konnte ein Baum vermutlich nicht lange wachsen.

Viele der neuzeitlichen Gruben rund um diese Stelle lassen sich sicherlich mit der Suche nach Kalksteinen für das Kalkbrennen erklären.

2 Kommentare zu „Römerstraße durch Schöngeising bis Ecke Rothschwaiger Straße“

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