Raumplanung bei Römern und Baiovaren

Der Überblicksartikel

Jochen Haberstroh: \”Transformation oder Neuanfang? – Zur Archäologie des 4. – 6. Jahrhunderts in Südbayern\”; in: Jochen Haberstroh; Imtraut Heitmeier (Hrsg.): \”Günderzeit – Siedlungen in Bayern zwischen Spätantike und Frühmittelalter\”; EOS Verlag, St. Ottilien, 2019

enthält neben vielen anderen interessanten Feststellungen auch einige Aspekte, die für die Altwege im Landkreis Fürstenfeldbruck relevant sind. Diese seien hier zusammengefaßt wiedergeben.

Siedlungsgeschichte am flachen Land

Bis 250 n. Chr.: Die Römer bauen in unserem Gebiet (RAETIA II) vergleichsweise wenige [S. 557] Villae Rusticae: Einzelgehöfte mit oft steinernem Haupthaus. Möglicherweise gab es neben den heute bekannten Villae Rusticae auch solche aus Holz. Die Villae lagen nicht direkt an, aber doch relativ nahe an den großen Straßen.

Ab ~250 n. Chr.: Viele Villae werden nicht mehr bewirtschaftet. Neu hinzu kommen römische Streusiedlungen: Mehrere Gehöfte stehen locker nebeneinander. Sie haben manchmal eine Pallisade und es wohnten dort auch Militärangehörige (mit römischem Versorgungsvertrag). Diese Streusiedlungen liegen deutlich weiter weg von den großen Straßen – aber doch in deren Reichweite [S. 534, S. 558].

Ab ~400 n. Chr.: Die römischen Streusiedlungen werden aufgegeben [S. 558].

Ab ~450 n. Chr.: Ende der römischen Landwirtschaft.
Etwa eine Generation lang gibt es in den römischen Siedlungen eine Lücke – sie scheinen unbewohnt gewesen zu sein [S. 529].
Einige wenige (ehemals) römische Siedlungen werden aber wiederbelebt – insbesondere, wenn sie an Kreuzungen großer Straßen oder Straßenstationen liegen. (Somit wurden die alten römischen Streusiedlungen auch nicht mehr reaktiviert, weil sie – absichtlich – ab vom Schuß gebaut wurden.). Man findet dann neue Reihengräberfelder nur 3-4 km entfernt von den alten römischen Nekropolen angelegt [S. 529]. [So daß im Prinzip die gerodeten römischen Felder noch erreichbar waren vom neuen Ort.]

Die Siedlungen zu den neuen Reihengräberfeldern wurden bislang nicht gefunden. Es wurden zwischen 450 und 550 n. Chr. auch kaum Bäume gefällt [S. 536].

Ab ~550 n. Chr.: [548 n. Chr. erhielt Garibald I. als erster bekannter Agilolfinger den Herzogstitel für Bayern. Ab da begann die staatliche Organisation der Baiovaren.]
Neue Siedlungen werden auf der grüne Wiese gegründet: Gruppen von Höfen. Möglicherweise waren das einzelne Zentralorte mit bestimmten Funktionen (z. B. Eisenverhüttung), um die herum sich dann Versorgungsorte gruppierten [S. 544]. Zumindest die Münchner Schotterebene wird eher dicht besiedelt [S. 556]
Der Typus der neuen Siedlungen entspricht nicht-römischen Siedlungen, die es bereits zur römischen Kaiserzeit nördlich der Donau gab [S. 551]. Das wirkt also wie ein Südwanderung von Bewohnern. [Es ist natürlich naheliegend dabei eine Besiedlung durch germanische Gruppen zu vermuten.]
Die Justinianische Pest ~550 n. Chr. hatte übrigens scheinbar keine Auswirkungen in Baiern.

~800 n. Chr.: Viele der neuen Siedlungen werden wieder verlassen. Der Grund ist unklar, es können neu Grundherrschaften sein oder die neue Drei-Felder-Wirtschaft [S. 555]. [788 n. Chr. wurde Tassilo III. als letzter baierischer Herzog abgesetzt und die karolingischen Franken haben sich Baiern vollständig einverleibt. In der Folge könnte einiges umorganisiert worden sein.]
Kleine verstreute Mini-Siedlungen werden ~800 n. Chr. aufgegeben und zu Dörfern zusammengefaßt [S. 544] oder sie existierten doch noch weiter bis ~1.200 n. Chr., als sehr viele Siedlungen wüst fielen [S. 546].

Danach: Anders als man bislang vermutete, wanderten die Dorfkerne vermutlich nicht durch die Landschaft. Vielmehr befinden sich die Dorfkerne der bis heute überlebenden Dörfer der Gründungsphase von ~550 n. Chr. weiterhin am selben Platz (womöglich sogar die Hofstellen selbst) [S. 551]. Somit waren (die Orte und) die Ortsverbindungswege bis zur Flurbereinigung recht konstant.

Frühbaiovarischer Straßenbau

Die alten römischen Fernstraßen waren nach 550 n. Chr. vermutlich wieder wichtig [da ja die überlebenden römischen Siedlungen dort lagen]. Aber auch die neu gegründeten Dörfer mußten mit Wegen erschlossen werden. Vermutlich wurden also ab ~550 n. Chr. auch neue Wege gebaut. Man kennt sie heute nicht.

Einige neue Gräberfelder ab ~550 n. Chr. sind auffällig nahe an bekannten römischen Fernstraßen: Gilching, Großhelfendorf [S. 559]. Wie den Römern war es offenbar auch Baiovaren wichtig, daß die Gräber gesehen wurden. Das läßt vermuten, daß auch die neu gebauten Wege an den Gräberfeldern vorbeiliefen [S. 561]. Lineare Strukturen in der Karte der bekannten Gräberfelder aus dieser Zeit verstärken diesen Verdacht. So könnte man frühbaiovarische Wege entdecken.

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Gräberfelder als rote Dreiecke. Graue Linien sind die römischen Fernstraßen. Zwei der linearen Strukturen (gelber und grüner Streifen) markiert. Rot eingekreist zur Orientierung Schöngeising. [Quelle: Jochen Haberstroh: \”Transformation oder Neuanfang? – Zur Archäologie des 4. – 6. Jahrhunderts in Südbayern\”]

Entlang der Würm könnte es somit eine Verbindung von Starnberg-Gauting-Planegg-Pasing gegeben haben [S. 563] [die in linearer Fortsetzung bis Freising geführt hätte]. In der obigen Karte ist das der grüne Streifen. [Im Zusammenhang mit der 200 Jahre jüngeren Erwähnung von Pasing in der Gründungsurkunde des Klosters Scharnitz ist das ein interessanter Hinweis.]

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Ein möglicher frühbaiovarischer Weg entlang der Würm bis Pasing. [Quelle: GoogleMaps, 2020, GeoBasis DE/BKG, 2009]

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