Moorenweis – Version 2

Lobpreis und Danksagung

Was wäre die Forschung an unseren Universitäten wert, wenn sie nie die Bürger erreichen würde? Die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse ist nicht einfach. Doch nur wenn geschichtliches Wissen breite Kreise erreicht, lernen wir, wie historische Relikte einzuordnen sind und warum wir so sind, wie wir sind. Warum sprechen wir heute genau dieses Deutsch? Warum gibt es unsere Wohnorte an genau diesen Stellen? etc. So wächst die Wertschätzung und das Interesse an unserer Geschichte (was übrigens mittelfristig auch den Universitäten hilft, die nötigen Mittel für ihre Forschung locker zu machen).

Bei uns geschichtlichen Laiengruppen hingegen sehe ich den Auftrag, die aktuellen Forschungsergebnisse auf den lokalen Bereich herunterzubrechen. Wir müssen und dürfen lockerer und anschaulicher formulieren, was nur mit gewissen Spekulationen möglich ist. Wer unsere Blogbeiträge und Artikel liest, erwartet farbige, plastische und anschauliche Darstellungen, die dabei aber weitgehend fundiert und korrekt sein sollen.

Daher bin ich Frau Dr. Heitmeier ungemein dankbar, daß sie sich in mehreren Mails die Mühe gemacht hat, bei diesem Spagat zwischen wissenschaftlicher Korrektheit und leichter Verständlichkeit mitzumachen: Sie hat diesen Blogbeitrag gründlich überarbeitet. Der alte Blog-Beitrag “Sumpfwiese oder Dorf an Straße” über die Ortsgeschichte von Moorenweis mußte somit neu geschrieben werden – was ich hiermit mit großer Freude mache. Neue Erkenntnisse sind diese Mühe allemal wert. Danke, Frau Dr. Heitmeier! (Stellvertretend für alle anderen Wissenschaftler, die immer bereitwillig auf Mails geantwortet haben.)

[Von Flodur63 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63492832]

Der Ortsname Moorenweis

Die Gemeinde Moorenweis leitet ihren Ortsnamen auf ihrer Webseite von Moor-Wiese her. Aber hat sie damit recht?
Und was kann das mit Altwegen zu tun haben?

Ersterwähnung

Die Gemeinde beruft sich bei ihrer Deutung auf eine Wessobrunner Urkunde von 753, in der der Ort „Moarawies“ genannt werde. Die genannte Urkunde ist leider nicht genauer benannt und so kann die Behauptung nicht überprüft werden. (Das Kloster Wessobrunn gibt 817 als erste urkundliche Erwähnung an – da müßte es ja eine 64 Jahre ältere Urkunde des Klosters Wessobrunn geben, auf der aber nur Moorenweis, aber nicht das Kloster genannt wäre. Klingt interessant und man würde zugern diese Urkunde von 753 einmal sehen.)

Moorenweis gehört zum Bistum Augsburg. Das dortige Bischöfliche Archiv wurde im 10. und 11. Jahrhundert mehrfach abgebrannt. Daher wissen wir fast nichts über die spätantike und frühmittelalterliche Geschichte dieses Landstrichs. Entsprechend sind die Erstwähnungen seiner Ort sehr spät. Die früheste Erwähnung des Ortes, die Toni Drexler gefunden hat, ist die Tradion #23 vom Kloster Wessobrunn von ca. 1140, in der ein Zeuge aus Moorenweis genannt wird. In dem Folgejahrzehnt variierte die Schreibweise zwischen Morenwis, Morenuuis, Morenweis, Mornswiß.
In Diessener Urkunden von 1242 bis 1354 tauchen diese Schreibweisen auf: Morenwis, Morenweiss, Morewis.

In der Uraufnahme haben wir etliche Schreibweisen: „Mornweis“, „Morrenweis“, „Morraweis“.

Namensbestandteil “Mooren-“

Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache; Walter de Gruyter, Berlin, 1989

schreibt, daß das Wort “Moor” erst im 17. Jahrhundert aus dem Niederdeutschen in die Hochsprache gelangt sei. Im Süddeutschen ist noch heute “Moos” oder evtl. noch “Filz” der gebräuchliche Ausdruck für ein “Moor”. Die meisten bairischen Orte mit “moor” (Kolbermoor (1860), Haspelmoor (1853), Sanimoor bei Iffeldorf (1922) etc.) sind auch sehr junge Industrieorte, die entlang neu errichteter Eisenbahnstrecken gegründet wurden.

Also ist es eher unwahrscheinlich, daß “Mooren-” von Moor kommt. Was könnte das “Mooren-” dann bedeuten?

Irmtraut Heitmeier verweist auf

W.-A. Frhr. von Reitzenstein: Lexikon Bayerischer Ortsnamen (Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz); München 2006, S. 168 f.,

und leitet “Mooren-” sehr klar ab von einem Personennamen “Moro” (männlich) oder “Mora” (weiblich) ab:

Personennameim Genitivwonach der Ort ursprünglich hieß
Moro (männlich)Morinmorin wîhs (Dorf des Moro)
Mora (weiblich)Morunmorun wîhs (Dorf der Mora)

In Schäftlarner Urkunden nach 1150 taucht tatächlich die Schreibweise mit “i” auf (“morinwis”), ansonsten herrscht “e” vor oder die Weglassung des Vokals (“mornweis”). Das klingt ein wenig nach einer männlichen Person als Namensgeber.
Es gibt allerdings einen Beleg von 1142-1155 “Morunvis” (Tr. Neustift/Brixen 40), der den weiblichen Genitiv aufweist, weshalb ein weiblicher Personenname zu bedenken ist. Allerdings kann hier auch eine Verschreibung vorliegen.

Natürlich gibt es diverse Orte mit ähnlich klingenden Namen, die ihren Namen anders herleiten:

  • Murn- und Mörn-Orte hatten römisches Mauerwerk bei ihrer Gründung. Ihr Name kommt dann von lat. murus (Mauer). Römische Relikte hat man in Moorenweis aber bislang nicht gefunden. [Freutsmiedl: Bayerns Sprung in die Geschichte]
  • Mörmoosen wird in https://www.lra-aoe.de/ortsnamen/moermoosen hergeleitet von Sumpf: (Mörn, vom ahd. und mhd. muor, morîn = sumpfig, moorig nasser Grund)
    (Mundartlich allerdings „Miamosn“ ausgesprochen.) Wenn diese Quelle recht hat, dann kam “Moor” doch schon früher in das Hochdeutsche. Allerdings wäre das ja dann eine eigenartige Dopplung, was die Deutung nicht sehr überzeugend macht.
  • Ein schweizer Ort “Mohren” leitet sich von Mohren her im Sinne von “Dunkelhaarige Bewohner/Besitzer” etc.: https://search.ortsnamen.ch/de/record/1004124
  • Murnau wurde früher Murninsowe, Murnouve, Murnawa genannt – aber das paßt nicht so recht.

Namensbestandteil “-weis”

Irmtraut Heitmeier: „Das planvolle Herzogtum – Raumerschließung des 6. – 8. Jahrhunderts im Spiegel der Toponymie“; in: Jochen Haberstroh; Irmtraut Heitmeier (Hrsg.): „Gründerzeit – Siedlungen in Bayern zwischen Spätantike und Frühmittelalter“; EOS Verlag, St. Ottilien, 2019

ist überzeugt, daß Orte, die auf -wiechs, -weis etc. enden, sich von einem althochdeutschen Wort für „Dorf“ herleiten: *wîhs (mit langgezogenem „i“, das

  • ab dem späten 13. Jh. diphthongiert [also: aus einem Laut eine Folge von zwei Vokalen machen, wie z. B. mittelhochdeutsch “sniwen” wird zu “schneien”, “Kising” wird zu “Geising” etc.], was sich dann vorwiegend
  • ab dem 14. Jh. in der Schreibweise mit “ei” zeigt.). [Das deckt sich mit den von Toni Drexler gefundenen Schreibweisen über die Jahrhunderte!]

Da das Wort *wîhs bereits im Althochdeutschen nicht mehr belegt ist, darf man auf eine frühe Entstehung des Namens, wohl schon im 6. Jh., schließen: Aufgrund der Verbreitung der *wihs-Namen kann man einen Einfluss aus dem merowingischen Frankenreich annehmen. Ein Zusammenhang mit den Ostgoten (die bis 536/540 die Herrschaft innehatten) zeichnet sich hingegen nicht ab. Folglich müßte Moorenweis zwischen 540 und 600 gegründet worden sein.

Orte, wie Moorenweis: Strategisch gegründet

“Moorenweis” ist laut Frau Heitmeier ein Beispiel [Seite 593] für eine ganze Reihe von ähnlich gebauten Ortsnamen. Sie geht davon aus, daß aufeinanderfolgende Herrschaften (wie auch immer die aussahen), herrschaftspolitisches und strategisches Interesse gezeigt haben, den bairischen Raum gezielt zu besiedeln. Somit entstanden bestimmte Orte

  • nicht durch germanische Gruppen auf der Suche nach Ackerland, die dann rodeten und Häuser bauten.
  • Sondern: Diese spezielle Gruppe von Orten wurde vielmehr aus übergeordneten Interessen “von oben” gegründet. Sie dienten der “Erfassung von Räumen”.

Laut Frau Heitmeier sind die *wîhs-Dörfer

  • gehäuft an den Rändern der alten RAETIA SECUNDA und
    rund um Augsburg und
  • entlang von überregionalen wichtigen Wegen. Und sie traten öfter [S. 617] im gleichen Raum auf, wie Orte mit diesen Namensbestandteilen:
    • -beuern
      Das kommt wohl vom althochdeutschen bûr, das ein einräumiges Gebäude (oft zum Lagern) bezeichnete. Überlebt hat es nur noch im „Vogelbauer“ [wer jetzt an die englische Scheune „barn“ denkt, liegt falsch. Die kommt angeblich vom alten englischen Wort für „Gerste“: „bere“wie auch heute noch eine schottisch/norwegische Gerstenart heißt.]
    • Obst gefolgt von “-dorf” [S. 611]. Also Orte, deren Namen nach dem Muster „Pflaumendorf“, „Birnendorf“, „Schlehendorf“, „Apfeldorf“ gebildet wurden.

      Allerdings wurden diese -beuern- und Obstdorf-Orte später gegründet. Man findet sie nur deshalb in der Nähe der *wîhs-Dörfer, weil sie ebenfalls zu frühen Organisationsstrukturen gehören.

Die Standorte der *wihs-Orte waren natürlich die spätantiken und frühmittelalterlichen Hotspots der Grenz- und Herrschaftssicherung. Ihr Verdacht ist daher, daß diese Orte vom frisch eingesetzten Herzog (oder sogar noch vor der Herzogtumbildung) geplant errichtet wurden als militärische Orte. Man darf sie sich aber nicht als Straßenstationen oder Versorgungsorte vorstellen – dazu sind sie oftmals zu weit weg von den Straßen bzw. den früher gegründeten strategisch wichtigen Orten. Sie sollten nur sicherstellen, daß ein wichtiges Gebiet nicht unbesetzt blieb.

Moorenweis’ strategische Bedeutung

Frau Heitmeier sieht den “Zwickel” zwischen

  • der VIA RAETIA von Scharnitz, Partenkirchen über Weilheim, am Westufer des Ammersees vorbeiziehend, nach Augsburg zielend
  • der Straße Augsburg-Schöngeising-Gilching-Salzburg

als strategisch wichtiges Gebiet. Moorenweis lag an keiner Straße direkt, aber in Reichweite von beiden. So wurde “der Raum erfaßt”.

Der bedeutsame Zwickel zwischen VIA “RAETIA” (rot) und der Straße Augsburg-Schöngeising-Gilching-Salzburg (gelb). Grün ist eine vermutete Straße vom Westufer des Ammersees über Türkenfeld nach Norden. [Quelle: GoogleEarth, 2020 GeoBasis-DE/BKG, Aufnahme vom 6/3/19]

Frau Heitmeier spricht noch von einem mittelalterlichen Weg, der vom Westufer des Ammersees über Türkenfeld nach Norden führte [auf der Karte oben grob grün skizziert]. (Das ist ein Hinweis auf einen Altweg im Landkreis Fürstenfeldbruck!) Wenn es stimmt, daß dieser Zwickel ein bedeutsamer Raum war, dann hat der grüne Weg mittendurch die “Raumerschließung” komplettiert. Sicherheitshalber wurden dann noch mindestens zwei Orte am grünen Weg gegründet:

  • Das vermutlich später als Moorenweis gegründete 86922 Beuern (Eresing) liegt genau an diesem Weg.
  • 86926 Pflaumdorf (Eresing) liegt 1,5 km entfernt von diesem grünen Weg.
  • 1,8 km südlich von Moorenweis befindet sich das Flurstück “Bierweg” westlich von 82272 Brandenberg (Moorenweis) direkt an diesem grünen Weg. Einen Weg dazu konnten wir nie nachweisen – vielleicht kommt der Name ja von einem Weg zu einem abgegangenen Dorf (z. B. Birndorf)?

Altwegesuche mit Ortsnamen

Laut Frau Heitmeier kann man bei den folgenden Ortsnamen-Bestandteilen an strategisch bedeutsame Räume denken, die es schon sehr früh zu besetzen galt.  Man muss dabei natürlich in jedem Fall den historischen Kontext untersuchen, die alten Belege sichten und den Siedlungszusammenhang betrachten – nur weil ein Ortsname dem Muster entspricht, heißt das noch nicht, daß er im 6. oder 7. Jh. von einer Herrschaftsstruktur strategisch gegründet wurde.
Und: Überregionale Straßen können zur Bedeutsamkeit eines Gebietes beitragen.
Also: Bei diesen Ortsnamenmustern kann man hellhörig werden und beginnen tiefer zu graben, ob die landläufig überlieferte Ortsnamensherleitung und Ortsgründungsgeschichte belegbar ist.

  • -dorf (die alten Orte mit -dorf sind meist östlich des Inns und an der Isar)
  • -beuern
  • Pflaumdorf, Prundorf, Birndorf, Bierdorf, Schlehendorf etc.
  • -wiech, -weis, -wies
  • -feld bzw. Feld-
  • -weil
  • -gau (gehäuft an Zubringern zur Via Claudia)

Wie das Beispiel Moorenweis zeigt, kann man nicht jeweils im Umkreis von 30 km solcher Orte nach Altwegen suchen. Vermutlich würden diese Umkreise fast die gesamte Fläche Baierns abdecken. Somit ist mit dieser Methode leider nicht geeignet für die Altwegesuche. Aber sie liefert weitere Indizien.

Fürstenfeld als Militärstandort?

Ein weiterer solcher Ortsname könnte übrigens unseren Landkreis betreffen. Frau Heitmeier meint, daß das lateinische Campus (wie es in der Ersterwähnung von Fürstenfeld als „campus principis“ [wörtlich übersetzt “Fürstenfeld”] vorkommt) mindestens in Spätantike/Frühmittelalter die Bedeutung von Kampfplatz/Truppensammelplatz/Militärisches Übungsgelände hatte. Unser Wort „Kampf“ kommt auch von “Campus”. Orte, wie „Feldkirchen“, lägen demnach an gut erreichbaren (Militär-)Straßen und außerhalb der normalen Besiedelung.

Das Kloster wurde gegründet auf dem “campo principis”, wie es in der Gelehrtensprache des 13. Jhs. geschrieben wurde.
Hatte unser „campus principis“ vor seiner Nutzung als Militärpferdegestüt (Remonte) und später Feldlazarett also auch schon eine militärische Bedeutung? Übernahmen die Gelehrten des 13. Jhs. also womöglich einen sehr alten Namen für dieses Flurstück?

Dann wäre das “Fürstenfeld” nicht der Acker des Fürsten, sondern die freie Fläche, an der sich des Fürsten Krieger trafen. [Verdacht: Das wäre dann eher nach 1000 gewesen, denn die frühmittelalterlichen Fürsten hießen meist “comes”, was wohl eine Art militärischer Rang war (siehe dazu Wilhelm Störmer: “Früher Adel’, S. 392 ff.). Allerdings beschreibt Philippe Depreux in “Auf der Suche nach dem Princeps in Aquitanien”, daß ab dem 8. Jh. (womöglich auch erst im 9. Jh.) an der fränkischen Peripherie [und somit evtl. auch in Baiern] Herzöge als “princeps” bezeichnet werden konnten. Der Herzog (“dux”) hätte demnach einen Ehrentitel “princeps” erhalten können. Dann könnte der “campus principes” auch schon im 9. Jhr. ein Heerlager gewesen sein.]

Frau Heitmeier hält diese Überlegung für wenig zielführend. Sie glaubt nicht, daß in dem Namen der princeps-Titel des 8./9. Jhs. steckt.

Anhang: Erwähnungen von Moorenweis

Hier ist die Liste der Erwähnungen des Ortes Moorenweis, die Toni Drexler erstellt hat:

Urkunden, die Moorenweis erwähnen. Zusammengetragen von Toni Drexler.

1 Kommentar zu „Moorenweis – Version 2“

  1. Pingback: Brandenberg in der Flurkartenanalyse – Altwege im Landkreis Fürstenfeldbruck

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