Amperüberquerung vor Brückenbau

Schon 15 v. Chr. ließ Drusus die Via Augusta nach Augsburg bauen. Ließ er dabei auch gleich den Abzweig von Augsburg über Schöngeising nach Gilching bauen? Das wissen wir nicht. Die ältesten Eichenpfähle, die man im Bereich der ehemaligen römischen Amperbrücke bei Schöngeising gefunden hat, sind jedenfalls erst aus dem Jahr 1 n. Chr.

Unabhängig vom römischen Brückenbau: Auf der Trasse der Römerstraße durch Schöngeising gab es vermutlich bereits vorher einen Weg, da auffallend viele Keltenschanzen den Verlauf der Römerstraße säumen. Und die konnten sich ja noch nicht an einem römischen Bauwerk orientieren.

Wahrscheinlich gab es also vor der Brücke einen Weg – aber wo verlief der dann? Und überquerte der Weg die Amper an der Stelle der späteren Brücke?

Daß die Römer die Turminsel als natürlichen Abweiser gegen treibende Stämme bei Hochwasser oder ggf. auch Eis bei Eisgang nutzten, ist verständlich. Im Strömungsschatten einer Insel hält eine Brücke länger. Wenn man eine Brücke baut, dann ist dieser Ort logisch. Aber für eine Furt gibt es mehr Möglichkeiten.

Die Trasse der Römerstraße, wie wir sie heute kennen, verlief nach der Brücke nicht geradeaus weiter auf den Hang zu, um sich von dort aus in Hohlwegen den Hang hinaufzuwinden. Statt dessen wendet sie sich schräg nach links. Ein Grund kann sein, daß beim Bau der Brücke bereits Hohlwege einer anderen Trasse bestanden, an die die Römerstraße wieder anschließen wollte.

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Die flache Amper beim \”Rupprechtshäuschen\” mit Blick auf den Hang mit dem Hohlwegbündel (hier nicht erkennbar), das vermutlich Teil der Römerstraße war. Aufnahme vom 04.04.20

Hinweise auf einen ursprünglich anderen Straßenverlauf

Direkte Verbindung vom Abzweig Wildenroth zu Hohlwegen nach Holzhausen

Logisch wäre eigentlich ein gerader, ungeknickter Vorläuferweg vom Abzweig der Strecke nach Grafrath/Wildenroth (heute B471) bis zu den Hohlwegen am Hang Richtung Holzhausen.

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Mögliche ältere Verläufe der Römerstraße: Grün die direkte Verbindung vom Abzweig Wildenroth (heute B471) bis zum Hohlwegbündel am Hang Richtung Holzhausen. Rot die Bodendenkmäler (die nicht alle römisch sind). Gelb die Verlängerung des Knicks in Flurstück 304. [Quelle: Bayernatlas, Bayerische Vermessungsverwaltung, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege]

Der Amperübergang an der \”grünen\” Stelle ist machbar in der flachen Amper. Etwas weiter nördlich in der Amperkrümmung war es vermutlich noch flacher.

Spannend ist, daß diese grüne Linie im westlichen Teil parallel zu den Flurgrenzen der Uraufnahme verläuft. Da könnte also einmal \”etwas\” gewesen sein, an dem sich die Bauern bei der Flurgrenzenfestlegung orientierten. (Wenn dieser grüne Direktweg 25 m weiter nördlich verlief, wäre der Effekt noch auffälliger.) Allerdings setzt sich diese Flurgrenzenorientierung östlich des Feldweges mit Hecke mit parallelem Fußweg durch \”Das untere Feld\” nicht fort:

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Detail der Uraufnahme von Schöngeising. Grün die direkte Verbindung vom Abzweig Wildenroth (heute B471) bis zum Hohlwegbündel am Hang Richtung Holzhausen. [Quelle: Bayernatlas, Bayerische Vermessungsverwaltung]

Falls diese Hypthese zutrifft, dann haben die Römer zusammen mit dem Bau der Brücke auf einer neuen Trasse rigoros eine neue gekieste Straße direkt auf ihre neue Brücke zu gebaut.

Als Feldgrenze taugt der \”grüne Weg\” nur, wenn er längere Zeit weiterbestand parallel zur neuen Trasse der Römerstraße. Sonst hätte die Feldaufteilung schon vor dem Bau der Brücke passieren müssen. Lediglich 16 Jahre nach Drusus Bau der Via Augusta wäre es erstaunlich, wenn man da bereits Felder an Veteranen verteilt hätte. Und die Feldgrenzen hätten noch deutlich erkennbar sein müssen, als sich die ersten germanischen Siedler im 5. Jahrhundert niederließen.

Knick in Flurstück 304

Rudolf Kralliner: Besetzung Bayerns durch die Römer [nach 1953, Quelle unbekannt]

grub an zwei Stellen die Römerstraße auf (westlich der heutigen Brucker Straße – genauer Ort leider nicht zu klären; und östlich der Amper unterhalb des Rupprechtshäuschen). Er vermutete die Römerstraße offenbar als direkte Verbindung dieser zwei Grabungen, denn er schrieb

Daher muß auch der Brückenübergang etwa 100 m unterhalb der Turminsel gesucht werden. Spuren einer Brücke konnten bisher [1953] nicht gefunden werden.

(Das heißt übrigens auch: Herr Krallinger hat die Römerstraße womöglich 30° schräg angeschnitten. Die von ihm angegebene Breite der Römerstraße von 6 Metern müßte somit um den Faktor cos(30°)=0,866 korrigiert werden: Die Kiesauflage war somit nur 5,2 Meter breit.)

Nun hat man 1986 beim Bau der Natogasleitung Holzpfosten einer römischen Brücke knapp unterhalb der Schöngeisinger Turminsel gefunden und den offiziellen Verlauf der Römerstraße darüber verlegt. Aber hatte Herr Krallinger evtl. doch auch recht? Gab es womöglich auch einen Amperübergang – womöglich nur als Furt – 100 Meter nördlich der Römerbrücke?

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links der Amper der gesicherte Verlauf der Römerstraße mit ihren Gräben (rot) und dem Damm (orange). Rechts der Amper der gesicherte Verlauf des Damms (orange). Grün die heute noch zu sehenden Hohlwege (Zeitstellung unklar).
Gelb ein möglicher älterer Verlauf der Römerstraße als Verlängerung des Knicks in Flurstück 304.
Quelle: Uraufnahme im BayernAtlas. Bayerische Vermessungsverwaltung.

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Flurstück 304 mit einem auffallenden Knick. [Quelle: Uraufnahme im BayernAtlas. Bayerische Vermessungsverwaltung.]

Ein schwaches Indiz ist die Flurgrenze von Flurstück 304 in der Uraufnahme: Die nördliche Grenze hat einen Knick. Das ist erst mal nur auffällig. Spannend ist: Wenn man den östlichen Teil dieser Flurgrenze mit einer Gerade über die Amper hinaus verlängert, dann stößt man direkt auf den Beginn der Hohlwege (grün). Auffällig ist auch, daß die Flurgrenzen rechts der Amper zwar nicht an die gedachte (gelbe) Linie angrenzen. Sie verlaufen aber alle parallel dazu. Von den 180 möglichen Winkeln immer genau diesen Winkel zu verwenden ist zumindest bemerkenswert.

Es ist auch nicht auszuschließen, daß die gelbe Trasse nach dem Bau der Brücke entstand, denn sie nimmt scheinbar Bezug auf die Trasse der Römerstraße, die erst mit dem Bau der Brücke sinnvoll ist. Womöglich haben Fußgänger einen Abkürzer zur alten Furt direkt auf die Hohlwege zu getrampelt und so entstand der Knick. Die Fußgänger mußten nicht über die Brücke (die womöglich bewacht war) und sie konnten ungestört nördlich an der römischen Straßenstation vorbeilaufen.

Oder der Pfad entstand erst nach dem Verfall der Brücke. Die jüngsten gefundenen Hölzer der Brücke stammen von etwa 121 n. Chr.. Eigentlich würde man spätere ständige Reparaturen annehmen mit neuen Stämmen, aber die Funde brechen da ab. Und über die Amper mußte man ja weiterhin.

Was gegen die Verlängerung des Flurstück-304-Knicks spricht

Da zwei Flurstücke nebeneinander 304 heißen, kann es sein, daß das nördlich angrenzende Grundstück später ausgeschnitten wurde. Der Eigentümer hätte dann ein Viertel abgetreten. Das wäre dann aber wohl deutlich nach Bau der Römerstraße passiert und der Knick müßte dann eine andere Ursache haben.

Der ungekieste Vorläuferweg muß nicht unbedingt schnurgerade verlaufen sein. Trampelpfade können durchaus in Bögen verlaufen. Wie Trampelpfade in Grünanlagen heute allerdings zeigen, gehen Menschen immer den kürzesten Weg und laufen keine Bögen aus.
Das erklärt allerdings einen Knick im Vorläuferweg auch nicht. Für ihn gibt es eigentlich keine Begründung.

Es wäre für die Römer eine ungewöhnlich glücklicher Zufall, daß eine Verlängerung des Vorläuferweges am Knick vorbei ausgerechnet auf die Spitze der Turminsel trifft.

1 Kommentar zu „Amperüberquerung vor Brückenbau“

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