Römerstraßen bei Gilching und Schöngeising

In dem ausgesprochen lesenwerten Buch

Jochen Haberstroh, Irmtraud Heitmeier (Hrsg.): Gründerzeit – Siedlung in Bayern zwischen Spätantike und frühem Mittelalter; EOS-Verlag, St. Ottilien, 2019

erschien ein Artikel, der sich unter anderem mit Römerstraßen in unserem Gebiet befaßt:

Marcus Zagermann: Von den Alpen bis zur Donau – Archäologische Spurensuche nach Roms letzten Verwaltungs- und Militäraktivitäten; in: Jochen Haberstroh, Irmtraud Heitmeier (Hrsg.): Gründerzeit – Siedlung in Bayern zwischen Spätantike und frühem Mittelalter; EOS-Verlag, St. Ottilien, 2019

Der Grundtenor ist: Zwischen 200 und Ende 5. Jhr. wurde es für die Römer schwieriger, aber vermutlich war die römische Staatsorganisation in der Provinz RAETIA II (in dem Fürstenfeldbruck liegt) deutlich länger und weitgehender und an mehr Orten funktionsfähig, als man bislang dachte.

Die Aspekte, die (meiner Ansicht nach) für \”unsere\” Römerstraße relevant sind:

  • Bis ~200 n. Chr. waren die römischen Kastelle eher überdachte Marschlager. Den Kampf suchte die Armee bis dahin auf dem offenen Feld. Die Architektur war also für eine Offensivarmee passend.
    Nach ~200 n. Chr. reduzierten die Römer die Zahl der Kastelle, die ab da als Verteidigungsfestungen dienten. Diese Verteidigungsanlagen hat unregelmäßige Grundrisse und umschlossen die Zivilsiedlung [zum Teil?]. Sie sind für Archäologen daher schwerer zu identifizieren als fortbestehende Anlagen eines funktionierenden Militärs. [S. 470]
  • Bislang als verlassen interpretierte römische Siedlungen waren teilweise doch weiter besiedelt: Anstelle der – ohnehin niedrigen – steinernen Grundmauern errichtete man aber in der Spätantike die Fachwerkhäuser direkt auf der Erde. In der Siedlung wurde womöglich vermehrt Ackerbau betrieben. Das schlug sich für die Archäologen nur in einer dunklen organischen Kulturschicht nieder (\”Dark Earth\”), die man bislang mit Ackerboden verwechselte. [S. 470]
  • Wachtürme gab es nicht nur an den Außengrenzen. Auch die großen VIAE PUBLICAE im Hinterland waren durch Wachtürme gesichert (zumindest die VIA CLAUDIA AUGUSTA zwischen Kempten und Goldberg. In diese Reihe paßt auch der vermutete Turm auf der Schöngeisinger Turminsel. Womöglich gab es noch deutlich mehr solche Wachtürme, die aber aus Holz waren und keine Spuren hinterließen. [S. 475]
    (Stephan Ridder schreibt in einem anderen Artikel im selben Sammelband, daß sich die Lage der Garnisonsstädte Augsburg, Füssen, Zirl, Pfaffenhofen am Inn vor allem mit der Sicherung der Hauptstraßen erklären läßt: Feinde sollen die Straßen nicht zum Marsch auf Rom nutzen können.)
  • Spätantike (und wohl auch ältere) Gutshöfe (VILLAE RUSTICAE) lagen immer abseits, aber entlang der großen römischen Straßen. Sie konnten durchaus 2,5 km entfernt von der Straße liegen, wie Wessling-Frauenwiese. [S. 479]
  • Die VILLAE RUSTICAE um Gilching bestanden bis etwa ~350 n . Chr. (358 n. Chr. gab es einen dokumentierten germanischen Raubzug, der damit in Zusammenhang stehen kann.)
  • Eine Ausnahme bildet Gilching-Frauenwiese: Es war ein von Pallisaden geschütztes Areal mit mehreren großen Speicherhäusern. Dort residierten MILITIA-Angehörige (also entweder Staatsbeamtete oder Militär), die einen Dienstmantel mit einer Zwiebelknopffibel auf der rechten Schulter trugen. Dieser Hof diente vermutlich dem Einsammeln und Lagern der wichtigen Nahrungsvorräte aus der Umgebung. Dieser geschützte Hof bestand dann auch länger bis rund ~450 n. Chr. [S. 480]
  • Ab ~400 n. Chr. lieferte Rom keine kleinen Bronzemünzen mehr nach Raetien. Das Kleingeld ging also aus. Daher hat man die alten Münzen weitergenutzt, bis sie abgewetzt waren.
    Beamte und Militärs erhielten aber weiter ihre Nahrungsmittellieferungen (ANNONA), also Amphoren mit Öl etc. Die Naturalienversorgung nahm an Gewicht zu – was Archäologien weniger Münzen finden läßt. [S. 488]
    Es ist durchaus möglich, daß einige Kastelle autark bis Ende 5. Jhr. weiteragierten ohne datierbare Spuren zu hinterlassen. [S. 492]
  • Ein Detail zum Postwesen: Die Sendungen (z. B. Säcke) wurden verschnürt und auf die Schnürung flüssiges Blei gegossen und gesigelt.
    Mit diesen Bleisigeln könnte man die Dauer der römischen Versorgung in den Empfängerorten nachweisen – wenn diese Bleisigel nur besser lesbar und interpretierbar wären. [S. 487]
  • Militärs erhielten alle paar Jahre größere Goldmünzen. Auf diese Münzen paßten alle natürlich sehr gut auf und sie werden daher selten gefunden. Aber sie können ein Hinweis sein, wie lange ein Standort noch in Betrieb war. Trotz ihrer enormen Seltenheit sollte man die Aussagekraft dieser Goldmünzen also nicht unterschätzen. [S. 488]

Karten

Der Autor hat viele Quellen zusammengefaßt und interessante Straßenkarten der Spätantike erstellt. Die Ausschnitte unseres Gebiets seien hier widergegeben:

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Ausschnitt der Karte \”Süddeutschland und die mittleren Alpen in der Spätantike\”: Quelle: Marcus Zagermann: Von den Alpen bis zur Donau

Man sieht die Binnen-Wachtürme. Erkennbar ist die herausragende Stellung von Schöngeising, Gauting und Grünwald auf der Route Augsburg-Salzburg. Deutlich wird die Zentralfunktion von Augsburg (wo vermutlich der DUX der Provinz residierte). Der Autor weißt daraufhin, daß die Nebenstraßen und die Straßen im \”Barbarengebiet\” absichtlich weggelassen wurden.

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Karte \”Das Gebiet um die oberbayerischen Seen und das heutige München in der Spätantike\”: Quelle: Marcus Zagermann: Von den Alpen bis zur Donau

Einige Straßen, die auf der ersten Karten zu sehen sind, fehlen hier:

  • Hier ist die Römerstraße am Westrand des Ammersees nicht eingetragen. [In der Bodendenkmalskarte ist sie als Römerstraße von Windach über Steinebach, Achselschwang, Rieden, Riederau eingetragen.]
  • In der ersten Karte hat der Autor gestrichelt eine weitere Römerstraße von Schöngeising zu dieser West-Ammersee-Straße eingezeichnet, die hier fehlt.
  • Auch die Straße Augsburg-Günzburg fehlt hier.

Die Gräbergruppen deuten auf noch nicht entdeckte Siedlungen/VILLAE. Wenn Weßling-Frauenwiese schon 2,5 km von der Römerstraße entfernt liegt, dann deuten die meisten dieser Gräbergruppen auch auf noch nicht entdeckte Römerstraßen/-wege. Denn sie liegen schon sehr weit von der VIA PUBLICA entfernt (Gernlinden z. B. 12 km).

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Quelle: Marcus Zagermann: Von den Alpen bis zur Donau

Die dritte Karte zeigt die VILLAE RUSTICAE rund um Gilching und im Falle von Weßling-Frauenwiese zwei mögliche Verbindungswege.

Der Autor zitiert hier sehr oft Manfred Gehrke, dem beim nächten Treffen der Altwegeforscher selbst referieren wird.

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