Die Bedeutung der Fußwege

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Frau mit Leseholz in der Kötze, Gegend von Klingenberg am Main um 1900 [Quelle: Wikimedia]

Der Artikel

Vladimír Salač: Zur Reisegeschwindigkeit in der Vorgeschichte; in TÜVA-Mitteilungen, Tübinger Verein zur Förderung der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie, 16-2018; ISSN: 1436-9362

trägt eine Fülle von Informationen über die Geschwindigkeit des Reisens in alter Zeit zusammen. Tatsächlich setzen Angaben über Reisezeiten erst mit den alten Griechen und Römern ein. Da ist aber nie ganz sicher, welche Routen gewählt wurden für die angegebenen Reisezeiten. Daher sind alle frühen Angaben mit großer Vorsicht zu genießen. Ich entnehme diesem Text nur die Normalreisezeiten. In Ausnahmefällen war natürlich immer auch ein Vielfaches möglich (wie z. B. beim ersten Marathonläufer oder bei Kurieren mit 235 km/Tag).

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ulrich fogel, reff trager (Reffträger) von 1531
\”Reff\” ist ein Tragekorb in dem Hühner und andere kleine Vögel transportiert werden können. Es ist hier mit einem Vorhängeschloss gesichert.
[Quelle: http://www.nuernberger-hausbuecher.de/75-Amb-2-317-146-v/data]

Fazit

Abgesehen von Schiffen oder Flößen stromabwärts konnte kein Verkehrsmittel Lasten so weit pro Tag transportieren, wie ein Fußgänger. Ein Ochse konnte zwar fast dreimal so viel transportieren – er brauchte aber auch doppelt so lang. Wägen mit Zugtier waren genauso langsam, wie ein Saumtier – dafür schafften sie noch mehr Kilogramm. Aber Wägen benötigten befestigte Wege.

Damit waren Fußgänger ganz klar die Preis-Leistungs-Gewinner.
Und Fußwege waren somit bis zum Bau der Eisenbahn durchaus bedeutsame Lastenrouten.

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Trachten Bern, Oberland, Oberhasli; (Mann stehend mit Mühlstein, und Frau sitzend)[Quelle: Schweizerische Nationalbibliothek, GS-GUGE-KÖNIG-12-3]

Eisenzeit

(Bei diesen Angaben ist nicht ganz klar, ob es nur um die keltische (somit Spät-Hallstatt oder Latène) oder auch um die römische Eisenzeit geht.)

VerkehrsmittelGeschwindigkeit pro Arbeitstag [km/h]Tagesstrecke [km]maximale Last [kg]
Pferd im Gespann4 – 520200
Pferd als Saumtier4 – 520 – 30100
Ochs im Gespann2 – 315300
Ochs als Saumtier315120
Esel im Gespann415100
Esel als Saumtier420 – 2560 – 70
Maultier im Gespann530150
Maultier als Saumtier5 – 630 – 40100
Mensch zu Fuß4 – 525 – 4050
Reitpferd6 – 935 – 500
Reitpferd (Kurierpost im 19. Jhr.)122500
Schiff – stromabwärts1260 – 180je nach Größe
Schiff – stromaufwärts2 – 315 – 20je nach Größe
Tabelle von Vladimir Salc. Basierend auf Angaben von diversen Autoren.

Römisches Reich

Fortbewegungkm/Tag
Zivilist zu Fuß ohne Last 30 – 37
Militär mit 20 kg Ausrüstung30 – 37
Im Wagen35
Reitender Kurier60 – 80
Frachtverkehr in der Flußschiffahrt abwärts50 – 60
Frachtverkehr in der Flußschiffahrt aufwärts15 – 17

Mittelalter

Fortbewegungkm/Tag
Zivilist zu Fuß ohne Last 25 – 40
Militär mit 20 kg Ausrüstung
Im Wagen30 – 45
Laufender Kurier50 – 65
Reitender Kurier50 – 80
Frachtverkehr in der Flußschiffahrt abwärts100
Frachtverkehr in der Flußschiffahrt aufwärts10

Frühe Neuzeit

Fortbewegungkm/Stunde
Zivilist zu Fuß ohne Last 
Militär mit 20 kg Ausrüstung
Im Wagen7,4
Laufender Kurier
Reitender Kurier13
Frachtverkehr in der Flußschiffahrt abwärts
Frachtverkehr in der Flußschiffahrt aufwärts

Ein paar Eckdaten

Reitende Boten schafften über die Jahrtausende immer nur etwa 15 km/h. Alle 15 – 25 km mußte immer das Pferd gewechselt werden.

Ausgebaute Fußwege steigern die Geschwindigkeit (nur) um 60 % von 3 auf 5 Stundenkilometer. Gepflasterte Wege können die Geschwindigkeit sogar senken. Gepflegte, ausgebaute Wege waren vor allem für die Wägen wichtig, weil der Rollwiderstand dadurch deutlich sinkt. Spätestens ab der Latènezeit (450 v. Chr. bis Christi Geburt) waren ausgebaute Wege vermutlich der Normalfall in der Ebene. Im Gebirge gab es vermutlich ausschließlich Fußpfade.

Bei der Betrachtung von Entfernungen werden in archäologischen Artikeln offenbar oft Luftlinie-Entfernungen genannt. Tatsächlich müssen Straßen oft große Umwege um Sümpfe, Seen und Berge nehmen. Auch die Flüsse mäandrierten ständig anders (und früher noch mehr), was die Flußkilometer schwer meßbar macht. Zudem werden die Originalquellen nicht immer korrekt zitiert, was zu beträchtlich abweichenden Transportwegen führt.
Die Leistungsfähigkeit der Zugtiere ist kaum abzuschätzen: Rinder waren früher bedeutend kleiner und wieviel ein römisches Pferd tragen konnte ist schwer zu sagen.

Stundenleistungen darf man nicht einfach hochrechnen. Ochsen können überhaupt nur 5 Stunden am Tag laufen. Mittelalterliche Reiter legten nach 5 – 6 Reisetagen immer einen Erholungstag ein. Auch die römische Infanterie pausierte jeden vierten Tag. Römische Soldaten machten zudem nach jeder Marschstunde 10 Minuten Pause.
Erst ab der Römerzeit wird ein organisiertes Netz von Wechselstationen vorausgesetzt. Das gestattet es mehrere Tagesetappen eines Tieres in Folge zu absolvieren. So steigt die Reisegeschwindigkeit. Da es aber für die vorrömischen Gallier/Kelten auch Berichte über sehr schnelle Kuriertransporte gibt, scheinen die Kelten auch schon eine solche Organisation gehabt zu haben.

Im Winter und Frühjahr waren die Zugtiere schlecht ernährt und die Wege matschig. Das bremste den Transport vermutlich deutlich.

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