Altwege und Grundstücksgrenzen

Die Methode am Beispiel Münchens

Ein bekanntes Beispiel in München zeigt eine Vorgehensweise bei der Rekonstruktion alter Wege: Das Altheimer Eck und die Hackenstraße zwingen die Flaneure zum Hakenschlagen.

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Das Altheimer Eck (ehemals \”am Saumarkt\”) und die Brunnstraße/Hackenstraße an der Hundskugel in München. Rot ein vermuteter Altweg. Quelle: Bayerische Vermessungsverwaltung, Uraufnahme

Jeweils zwei Straßen (gelb) stoßen versetzt aufeinander. Diese beiden Straßen waren also ursprünglich keine durchgehende Straße. Man erklärt es sich mit einem verschwundenen Altweg (rot), auf den früher 4 Straßen stumpf auftrafen. Tatsächlich setzt sich diese gedachte rote Linie auch in den Grundstücksgrenzen fort.

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Grundstücksgrenzen (rot) zwischen Sendlinger Tor und Neuhauser Straße.
Quelle: Bayerische Vermessungsverwaltung, Uraufnahme

Lorenz Maier: Stadt und Herrschaft – Ein Beitrag zur Gründungs- und frühen Entwicklungsgeschichte Münchens; Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München, 1989

hält diesen Bereich übrigens für das ursprüngliche \”munichen\”, das mit dem nach 1158 gegründeten Markt-Straßendorf entlang der neuen Salzstraße verschmolz.

Die Methode am Beispiel Hessens

Grundrißtopographische Analysen sind eine altbekannte Methode. Ein Beispiel ist

Görich, Willi: Der Stadtgrundriß als Geschichtsquelle; in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde vol. 63 (1952) p. 55-65

Herr Görich zeigt am Beispiel diverser Städte, wie man alleine auf Grund der Grundrisse die Entwicklungsgeschichte von Städten nachzeichnen kann. Oft entwickelten sich Vorstädte entlang wichtiger Ausfallstraßen; vor der Stadtmauer wurde anfangs ein Schußfeld freigelassen. Später erweiterte man die Stadtmauer um diese Vorstädte. Der Artikel wird öfter zitiert – aber tatsächlich hilft er bei unserer Suche nach Altwegen im Agrarland nur wenig weiter.

Die Methode am Beispiel Unterhachings

Eine weitere Forscherin hat geradezu ein Plädoyer für die Erforschung alter Flurkarten geschrieben:

Gertrud Diepolder: Das Hachinger Tal – Fiskus Haching – Zum Quellenwert der alten Flurkarte für Archäologen und Historiker; in: Festschrift für Hermann Dannheimer zum 80. Geburtstag, Herausgeber Rupert Gebhard; C.H.Beck-Verlag, 2010.

Die Rekonstruktion der ursprünglichen Wege und Grenzen aus den späteren Karten (und zusätzlichen Informationen aus Urkunden) nennt sie \”Rückschreibung\”. In ihrem Beispiel identifizierte sie den \”Finsinger Weg\” als frühen überregionalen Verbindungsweg. Der Weg \”störte das Schnittmuster der Flurparzellen nicht\”, erscheint \”als Basislinie einer frühen Flurvermessung\”. \”Flurgrenzen und Feldwege trafen senkrecht auf diese Straße oder verliefen parallel zu ihr, manche in regelmäßigen Abständen\” [Seite 186].

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Flurgrenzen, die auf den \”Finsinger Weg\” stoßen. Quelle: Bayerische Vermessungsverwaltung, Uraufnahme

Das obige Beispiel zeigt also einen heute noch bestehenden Weg, der aber bereits bestand, als die Felder links und rechts davon abgesteckt wurden. Denn sonst würde der Weg einfach Felder durchschneiden und Feldgrenzen würden sich über den Weg fortsetzen.
Interessanterweise findet man beim Grünwalder Weg in Oberhaching so ein Beispiel, obwohl die Autorin diesen Weg als sehr alten Weg ausweist:
Es ist also zu vermuten, daß dieser Grünwalder Weg ursprünglich etwas weiter südlich verlief. Aber das wird man in dem stark überbauten Gebiet heute kaum mehr nachweisen können.

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Grünwalder Weg bei Oberhaching (rot) mit Flurgrenzen (gelb), die sich über den Weg fortsetzen. Quelle: Bayerische Vermessungsverwaltung, Uraufnahme

Bodendenkmäler als Altweg-Anzeiger

Ein weiteres Indiz war ihr, wenn sich \”entlang dieser Straße [einer vermuteten Römerstraße im Hachinger Tal] die archäologischen Fundstellen der Spätantike wie an einer Perlenkette in regelmäßigen Abständen aufreihten\” [Seite 187].

Die alten Flurkarten zeigen eine Nord-Süd-Straße westlich des Hachinger Bachs, die später als Römerstraße gesehen wurde. Nach Ansicht der Autorin entspricht sie keiner schnurgeraden typischen Römerstraße. Vielmehr fanden die Römer dort einen Fernweg vor und bauten ihn lediglich aus. [Was womöglich auch bei der Salzburg-Augsburg-Straße der Fall war, wenn man die vielen Keltenschanzen entlang der Strecke in Betracht sieht – hier haben die Römer aber eine schnurgerade Streckenführung hinterlassen.]

Ein identifizierter Altweg als Teil einer überregionalen Verbindung

Die Autorin meint den \”Finsinger Weg\” in Unterhaching fortsetzen zu können bis nach Regensburg:

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Der \”Finsinger Weg\” von Unterhaching bis Regensburg. Quelle: Google Maps. GeoBasis-DE/BKG, 2009

[Wobei man sagen muß, daß die Streckenführung ab dem Finsinger Moos nicht mehr zwingend ist. Im Prinzip hat die Autorin agilolfingischen Grundbesitz, der zwischen Finsing und Regensburg lag, mit einer Linie verbunden – unabhängig von tatsächlich im Gelände nachweisbaren alten Wegen.]

Die Autorin meint den Weg bis zur Isarquerung bei Mühltal-Hohenschäftlarn fortsetzen zukönnen.

Parallelen zum Brandenberger Mühlweg

[Unabhängig davon, ob man der Autorin in allen Schlußfolgerungen folgen kann, so kann man doch Parallelen zu unserem \”Brandenberger Mühlweg\” feststellen:

  • Wege behalten über sehr lange Zeit ihren Namen.
  • Der Wegname kann einen ziemlich weit entfernten Ort enthalten.
  • Solche Wege können Teilstücke eines sehr langen Weges zwischen ehemaligen Machtzentren sein. (Unterhaching war zumindest um 500 n. Chr. sehr bedeutsam.)]

Quellen

Die Autorin benennt zwei weitere Arten von Quellen, die wir bislang nicht berücksichtigt haben:

  • Ein Forstplan vom Ende des 18. Jahrhunderts (noch vor der Forstpurifikation)
  • Das Kataster von 1886, in dem offenbar deutlich mehr Flurnamen eingezeichnet wurden, als in der früheren Uraufnahme.

Kommen wir für den Landkreis Fürstenfeldbruck auch an solche Karten?

Fuß-Raster

Die Autorin mißt die Feldbreiten. Wenn ein Feld 500 oder 800 oder 1000 Aschheimer Fuß lang ist (also 137,5 Meter oder 220 Meter oder 275 Meter), dann geht sie von einer frühmittelalterlichen Anlage aus. Ihr Vorgehen ist also: Ein Feld ausmessen und die Länge probeweise teilen durch

  • 0,29617 m (Römischer Fuß) – wenn dabei ein durch 100 teilbare Zahl heraus kommt, dann wurde das Feld in römischer Zeit abgemessen – also vermutlich vor 488, wobei fraglich ist, ob die Römer im 5. Jahrhundert noch neues Ackerland absteckten.
  • 0,275 m (Aschheimer Fuß) – wenn dabei ein durch 100 teilbare Zahl heraus kommt, dann wurde das Feld zwischen ~488 n. Chr. und 788 n. Chr. abgesteckt (also im Frühmittelalter von germanischen Herrschern, zuletzt durch Agilolfingern)
  • 0,3224 m (Karolingischer Fuß (Augsburg)) – wenn dabei ein durch 100 teilbare Zahl heraus kommt, dann wurde das Feld nach 788 n. Chr. abgesteckt.

[Diese Herangehensweise scheint aber nur in Ausnahmefällen zu funktionieren. Zwischen Schöngeising und Gauting würde man entlang der Römerstraße alte Feldmaße vermuten. Tatsächlich sind sie alle unregelmäßig breit und meistens trapezförmig. Auch die Feldtiefe variiert stark. Vergleichsweise gehäuft taucht das Maß 186 Meter auf – das aber nicht in das Fußraster paßt. Der Landkreis Fürstenfeldbruck liegt allerdings im ehemals raetischen Teil Baierns, in dem die Agilolfinger nur ausnahmsweise Grundbesitz hatten. Und wie die anderen Adelssippen Maß nahmen ist unbekannt. Die Brüder Grimm werden als Quelle zitiert, daß bei der Landnahme durch germanische Stämme die Feldgrenze durch das Werfen eines Hammers festgelegt wurde, was womöglich nicht immer exakt eine runde Fußzahl ergab. (Die Lex Baioariorum nennt diese Methode nicht.)]

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