Ernst Meßmer
von Ulrich Bähr, Marion Fliecker
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Ernst Meßmer – Lehrer, Musiker und Historiker
Ein Portrait
Zusammenfassung
Ein Portrait
Mit Ernst Meßmer hat Grafrath das Glück, über einen Ortshistoriker zu verfügen, der sich jahrzehntelang unermüdlich um die Erforschung der Ortsgeschichte verdient gemacht hat. Mit seinem riesigen Wissensschatz bringt er vielen Grafrathern und Besuchern der St. Rasso-Kirche die lokale Geschichte näher. Zudem erfreute er sie als Organist und Chorleiter. Eine kurzer Abriß einer inspirierenden Lebensgeschichte.
Lehrer, Musiker und Historiker
Herkunft und Schulbildung
Am 30.12.1935 kam Ernst Meßmer in 87651 Bidingen im Ostallgäu zur Welt. Der kleine Pfarrort war stark landwirtschaftlich geprägt. Gegen Kriegsende verdoppelte sich die Einwohnerzahl kurzzeitig, weil viele Flüchtlinge untergebracht werden mußten. Bald darauf wanderten die meisten Vertriebenen weiter in die industriellen Zentren des Allgäus.
Auch der kleine Ernst verließ seinen Heimatort mit 13 Jahren: Er kam in das 45 km entfernte 86941 St. Ottilien (Eresing) auf das kirchliche Gymnasium. Für seine Eltern war dies die einzige Möglichkeit ihrem Kind eine höhere Bildung zu bieten. Weltliche Gymnasien gab es im weiten Umkreis keine. Der örtliche Pfarrer war auf Ernst aufmerksam geworden und vermittelte den Internatsplatz.
Die Erzabtei St. Ottilien unterstützte Ernst Meßmer in der Folge auf viele Weisen bis hin zum Studium.
Rhabanus-Maurus‑Gymnasium St. Ottilien
Das Gymnasium in St. Ottilien wurde 1886/87 von den Missionsbenediktinern der Erzabtei St. Ottilien als reines Jungen-Internat gegründet, mit dem Ziel, sowohl schulische Allgemeinbildung als auch gezielte Vorbereitung auf den Missionsdienst zu vermitteln.
Bis 1960 war das Haus stark internatsgeprägt: Das Internat bot Eltern aus dem weiteren Umland – oft aus ländlichen Gebieten oder benachbarten Diözesen – ein gutes Angebot: Ihr Kind konnte das Gymnasium besuchen, war sicher aufgehoben und erhielt eine christliche Erziehung. So gewann die Schule über das Klosterdorf hinaus eine überregionale Ausstrahlung.
Schulisch war es zunächst eine klassische Gymnasialanstalt mit starkem Latein- und Religionsprofil (im Sinne einer kirchlichen Missionsschule) – d. h. Kombination von humanistisch-sprachlichem Unterricht mit missionarischer Prägung.
Durch das Internat konnten die Mönche und Lehrkräfte eine ganzheitliche Erziehung gewährleisten: nicht nur Unterricht, sondern auch Gemeinschaftsleben, religiöse Praxis, Tages- und Abendbetreuung gehörten dazu. Für Schüler vom Umland bedeutete dies, dass sie – trotz Entfernung zur Heimat – in eine konstante schulische-geistliche Umgebung eingebunden waren, was insbesondere bei Schulen mit internatsgebundener Struktur wichtig war. Während des 2. Weltkriegs wurde die Schule geschlossen. Danach wurde St. Ottilien als humanistisches Gymnasium erneut mit klarem katholisch-benediktinischem Profil fortgeführt.
Studium
Nach dem Abitur zog Ernst Meßmer weiter nach München und studierte Latein, Griechisch, Geschichte und Ethik für das Lehramt.
Sein Studium schloß Ernst Meßmer mit seiner Promotion in Latein bei Prof. Carl Becker ab (*1925, †1973), der gleich anschließend Rektor der LMU wurde (mit 42 Jahren). Sein Betreuer während der Promotion war also nur 10 Jahre älter und ganz offensichtlich ein akademischer Überflieger.
Berufliche Stationen
Seine berufliche Laufbahn begann Ernst Meßmer1966 als Referendar am humanistischen Ludwigsgymnasium München. Dieses Gymnasium erlebte zu dieser Zeit unter dem Schulleiter Karl Mayr einen beachtlichen Aufschwung. Die Schülerzahl verdoppelte sich innerhalb von 20 Jahren (bis 1972).
Trotzdem verließ Ernst Meßmer 1968 das boomende Ludwigsgymnasium für ein Intermezzo und ging zurück zu seinem alten Rhabanus-Maurus‑Gymnasium in St. Ottilien – diesmal als Lehrer. Ab 1972 wirkte er dann erneut am Ludwigsgymnasium. Dort hatte sich die Schülerzahl von 1972 bis 1980 erneut verdoppelt auf 1615 Schüler. Das lag sicherlich auch an der Öffnung der Schule für Mädchen. Noch weiter wuchs dieses Gymnasium aber nicht mehr.
Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 erlebte Ernst Meßmer das schwindende Interesse an den alten Sprachen. Die Schülerzahl schrumpfte bis dahin auf den Stand, wie zu Beginn seiner Karriere am Ludwigsgymnasium.
Heirat und Umzug nach Grafrath
1970 lernte Ernst Meßmer seine Frau kennen. 1973 heirateten sie. Und 1975 zogen die Meßmers nach Grafrath in ein Reihenhaus an der Hauptstraße. Das war offensichtlich den längeren Arbeitsweg wert.
Die Meßmers haben eine Tochter und einen Sohn.
Organist
Es wirkt fast wie ein Klischee: Aber der Herr Lehrer im Dorf wurde tatsächlich Organist in der Kirche. Die Musik ist die wahre große Leidenschaft von Ernst Meßmer. Anfangs spielte er ehrenamtlich ab 1986 in der Unteraltinger Kirche.
Dann verunglückte der Organisten von St. Rasso. Fast zeitgleich wurde Ernst Meßmer 2002 pensioniert. So nahm er die Teilzeitstell als ordentlicher Hauptorganist in St. Rasso an.
Leider erkrankte seine Frau an Multipler Sklerose und die geplanten gemeinsamen Reisen in der Pensionszeit waren dadurch kaum möglich. Nicht zum ersten Mal änderte Ernst Meßmer für seine Frau seine Lebenspläne radikal. Natürlich kümmerte er sich ab da verstärkt um seine Frau. Das Orgelspiel bot sich als Ersatzbeschäftigung an.
Bis zu seinem 80sten Geburtstag übte er das Amt des Organisten aus. Heute spielt er höchstens noch privat Orgel.
Chorleiter
Thomas Stangelmeier, der langjährige Vorstand der Singgemeinschaft Grafrath, kannte Meßmers Frau von der Arbeiterwohlfahrt. Als er einen Dirigenten für den Chor suchte, fragte er bei Ernst Meßmer an. Kurzum sagte er zu und nahm erst einmal Unterricht, wie das geht. Bis zu seinem 80sten Geburtstag leitete er dann den Chor der Singgemeinschaft.
Orgel und Rassograb
Von der Orgel blickte Ernst Meßmer ständig auf das Grab von St. Rasso/Grafrath. Der studierte Historiker wurde zunehmend neugierig, was es mit diesem Grab eigentlich auf sich hat.
In dem Buch des Wildenrother Heimatforschers Wolfgang Völk „Heimatbuch Grafrath-Kottgeisering-Schöngeising” von 1982 erschien ihm vieles nicht stimmig: Die Quellenangaben waren vage, Aussagen paßten nicht zusammen. Zudem sprach er immer vom „legendären Rasso“ obwohl sich doch unabweisbar sein tatsächliches Grab mitten im Kirchraum befand.
Im Jahr 2003 wurden die Gebeine und Kleidungsreste aus dem Grab zur Renovierung gebracht und der Schädel äußerlich untersucht. Das Ergebnis legte nahe: Ein Toter aus dem Frühmittelalter lag in dem Grab.
Das tausendjährige Jubiläum Grafraths (damals mit 2004 angegeben) stand an und das Rasso-Grab wurde restauriert. Als Ernst Meßmer eines Freitags im Sommer 2003 entdeckte, daß man dabei die Holzeinfassung des Rasso/Grafrath-Grabes in der Kirche entfernt hatte, grub er über das Wochenende mit Bernd Steidel tiefer. Sie stießen auf ein frühmittelalterliches Tuffsteinplattengrab, es für Adelige damals üblich war.
Nun war endgültig der Ehrgeiz geweckt und Ernst Meßmer verbrachte viel Zeit in der Staatsbibliothek, im Staatsarchiv und in den Handschriftenabteilungen der LMU, um Näheres über Graf Rasso/Grafrath herauszufinden. Anfang des 19. Jahrhunderts hat ein Historiker Kopien der St.-Rasso/Grafrath-Chronik von Innozenz Keferloher (Original im Hauptstaatsarchiv) anfertigen lassen. Ernst Meßmer stieß auf sie und fand darin viele Antworten.
Autor
Das Ergebnis seiner Recherchen veröffentlichte er in bislang 5 Büchern: Zum einen
- Ernst Meßmer: Graf Rasso – Heerführer Bayerns, Kirchenstifter und Klostergründer von Grafrath, Volksheiliger, Eine Spurensuche. EOS-Verlag, St. Ottilien, 2003.
- Ernst Meßmer: Das wundersame Grab von Graf Rasso – Geschichte der ungewöhnlichen Wallfahrt und Wallfahrtskirche zu St. Grafrath. EOS-Verlag, St. Ottilien, 2004.
- Ernst Meßmer: Grafrath und die Anfänge von Dießen und Andechs. Neue Bewertung und Auswertung der Quellen über frühe Zusammenhänge. In: Oberbayerisches Archiv 133 (2009), S. 161-246
- Ernst Meßmer: Graf Rath – Nachruf auf einen Mann, dem seine Identität genommen wurde. Bauer-Verlag, Thalhofen, 2020.
Klosterwirt
Einen letztlich vergeblichen Kampf focht Ernst Meßmer für den Erhalt des Klosterwirts. Durch seine Forschungen wußte er, daß Wirt und Kloster über mehr als 1000 Jahre eine Einheit bildeten. Das ganze Ensemble war für den Empfang großer Pilgergruppen aus ganz Bayern gestaltet worden. Immerhin kamen in Spitzenzeiten über 100.000 Wallfahrer jährlich. Diese Gruppen mußten oft lange auf ihren Meßtermin in der Kirche warten und sich natürlich nach vielstündigen Fußmärschen stärken. Bis 1958 war der Klosterwirt neben der Kirche das einzige Gebäude im Umkreis (dann kam das Forsthaus hinzu). Dieses Ensemble sollte nicht durch den Abriß für ein vergleichsweise schnödes Bauprojekt zerstört werden.
Um die geschichtliche Bedeutung des Klosterwirts in die Breite zu tragen, schrieb Ernst Meßmer noch ein weiteres Buch:
- Ernst Meßmer: Graf Rath und sein Hof in Wörth. Bauer-Verlag, Thalhofen, 2011.
Den Gemeinderat konnte er damit nicht umstimmen. Den Klosterwirt gibt es heute nicht mehr als Gasthaus. Es wurde zu einem gesichtslosen Wohnhaus umgebaut.
Die große Hoffnung
Die Rasso-Kirche gehört zum Bistum Augsburg. Für die Gottesdienste muß daher Miete gezahlt werden. Das ist für die Diözese eine Belastung bei gleichzeitig sinkendem Bedarf nach Kirchenräumen.
Sollte also daher jemals die Rasso/Grafrath-Kirche umgewidmet werden, dann hofft Ernst Meßmer, daß man dabei das leere Grab in der Kirchenmitte eingehend archäologisch untersucht. Es könnten dort noch Gewandreste und ähnliches vorhanden sein. Damit könnte man womöglich mehr über Rasso/Grafrath heraubekommen.
Auch bei den Knochenreliquien ließe sich mit modernen Methoden mehr über die Herkunft des frühmittelalterlichen Adeligen herausbekommen.
Aktuelles Projekt
Herr Meßmer arbeitet trotz seiner 90 Jahre an seinem 6. Buch. Er hat noch so viele Forschungsentdeckungen zu Graf Rasso und seiner Zeit auszuwerten.
Mit großer Geduld unterstützt er andere Heimatforscher bei ihren Fragen. Man sollte einen dicken Block mitbringen, wenn man ihn besucht, um all die faszinierenden Details dieser sprudelnden Quelle mitschreiben zu können!
Man kann ihm nur viele weitere gesunde Jahre wünschen. Alles Gute zu seinem 90. Geburtstag am 30.12.2025!

